„Erschöpfung ist immer ein Zeichen dafür, dass man zur Besinnung kommen muss“ (Juli Zeh)

Liebe Leserinnen und Leser,

das Erscheinungsdatum dieser Ausgabe der KVS-Mitteilungen hat den Jahreswechsel nun schon wieder acht Wochen hinter sich gelassen. Ich hoffe, Sie konnten gut in dieses Jahr 2026 starten und sind für die Herausforderungen, die vor Ihnen liegen, passabel aufgestellt.

Als Psychotherapeut weiß ich um die sehr verschiedenen Wege, die eigene Resilienz so zu entwickeln, dass sie zum Lebenskontext und zum Lebensentwurf passt. Zunehmend werde ich aber auch mit Situationen konfrontiert, in welchen Menschen, Patienten – aber eben auch Kolleginnen und Kollegen – von großen Zweifeln, Bedenken, Erschöpfung, Niedergeschlagenheit und vor allem Zukunftssorgen berichten bzw. von diesen gezeichnet sind. Es ist, als ob die Resilienz keine Oberhand mehr bekommt. Auch den Helfenden kann die Kraft aus- und die Perspektive verloren gehen. Statt an dieser Stelle mit einer quantitativen Studie diese Entwicklung zu belegen, berichte ich Ihnen von einer Nachricht, welche mich in den letzten Wochen sehr beschäftigt hat.

Am 17. Dezember 2025 beging der bedeutende deutsche Schauspieler Armin Mueller-Stahl seinen 95. Geburtstag. Ein Künstler, welcher sich auch der Malerei und Musik hingab, den meisten von Ihnen jedoch in seinen Charakterdarstellungen in Filmen wie „The International“, „Illuminati“, „Buddenbrooks“ oder „Shine – Der Weg ins Licht“ bekannt sein dürfte. Und dieser lebenserfahrene Mann offenbart, dass er sich trotz seines hohen Alters mit dem Gedanken beschäftige, die Bundesrepublik Deutschland zu verlassen. Die Frage nach dem „Wohin?“ lässt er offen.

Abgesehen davon, dass es mich sehr traurig stimmt, wenn ein Mensch mit dieser Lebenserfahrung und Lebensleistung keinen Sinn mehr im Bleiben sieht, vielleicht sogar eine Bedrohung und Entwertung seiner Existenz empfindet und seinen verdienten Lebensabend besser in einer Abgeschiedenheit zu verbringen gedenkt, entsteht in mir der Impuls, nach anderen Lösungen zu suchen und um diese zu ringen, für diese zu werben, in diese Perspektiven einzuladen. Umso mehr, da sich dieser Impuls eines möglichen Weggehens in vielen Gesprächen im Bekannten- und Freundeskreis seinen Raum nimmt, ohne schon in konkrete Realisierungsideen zu münden. Und vielleicht ertappt sich der eine oder andere beim Lesen dieser Zeilen, selbst nicht frei von solchen Gedankengängen zu sein.

Ich möchte Juli Zeh zu Wort kommen lassen: „Erschöpfung ist immer ein Zeichen dafür, dass man zur Besinnung kommen muss“1. Als Psychotherapeut missfällt mir der Imperativ dieser Aussage. Aber der Richtung möchte ich folgen. Selbstreflexion, Entscheidungskompetenz, Zugang zu meinen inneren körperlichen und psychischen Prozessen zu haben, und dabei Klarheit zu gewinnen, sind wesentliche Aspekte einer Resilienz.

Ja, und etwas Mut braucht es auch. Hinter den Argumenten der Vorsicht, Überlegtheit, etc. verbergen sich oft genug einfache Vermeidungsstrategien. Nochmal Juli Zeh: „Immer wenn wir irgendeine Maßnahme ergreifen, um ein Risiko zu minimieren, generieren wir auf der anderen Seite einen Verlust, zum Beispiel einen Freiheitsverlust. Wir schaden uns dadurch selbst oder anderen“2. Was würde wohl Armin Mueller-Stahl antworten?

Und was nun tun?

Ich bleibe im Dialog. Ich mache mir die Mühe, die Erfahrenen zu fragen, wie sie es in der Vergangenheit realisiert / erlebt haben und die noch Unerfahrenen, wie sie es sich für die Zukunft vorstellen/erhoffen. Ich bemühe mich, in beide Richtungen empathisch zu bleiben. Nicht mit dem Ziel mich anzubiedern, es mir leicht zu machen, sondern um Interesse zu zeigen, Wege der Erkenntnis nachvollziehen zu können und die Spannbreite bestehender Positionen zu begreifen. Gleiches gilt bzgl. fast sämtlicher Lebensanschauungen. Ich bin gut beraten, vergiftende Titulierungen oder gar Beschimpfungen wie beispielsweise „XY-Versteher“, ins Leere laufen zu lassen, weil ich ein Verstehen grundsätzlich benötige, um handeln zu können. Das heißt noch lange nicht, dass ich für das Erfahrene auch Verständnis oder sogar Zustimmung entwickele.

Was bleibt, ist natürlich eine kognitive Dissonanz, deren „Er“-duldung sicherlich gelernt werden sollte. Dazu gehört auch eine Auseinandersetzung mit der Thematik eigener Werte vs. „richtiger“ Werte. Die Akzeptanz von Verschiedenheit sichert meiner Erfahrung nach viel eher ein friedliches Miteinander, als eine unterstellte Gleichheit, welche einer ausreichenden Identifikation und Individuation entgegensteht.

Beim „Was tun?“ lässt es sich handlungsleitend sehr verdichten:

  • Mehr Lösungsperspektive – weniger Beschwerde.

  • Mehr Anwahl – weniger Abwahl.

  • Mehr Einen – weniger Spalten.

  • Mehr Miteinander – weniger Gegeneinander.

  • Mehr Aufwertung – weniger Abwertung.

  • Abgrenzung ja – Ausgrenzung nein.

  • Mehr Praxis – weniger Ideologie.

  • Mehr Aufwand betreiben – weniger Verschwendung.

  • Mehr Selbstvertrauen – weniger Selbstmitleid.

  • etc.

Am Ende bestimmt das Gelingen über den Fortbestand angewandter Strategien. Schauen wir genau dort hin: In welchem Land äußern die Menschen die höchste Lebenszufriedenheit? Welche befriedigenden Beziehungen überdauern am längsten? In welchen Kulturen besteht die größte Naturverbundenheit? Wo wird schon jetzt am nachhaltigsten mit Ressourcen umgegangen? ... Wieder geht es nicht darum, gelebte Lösungen einfach zu übernehmen, sondern anhand dieser Strategien eigener Kreativität und Finderwillen neue Energie und Impuls zu geben. Dann besinnen wir uns vielleicht auch wieder dem Prinzip des „Survival of the fittest“.

Und – dieser eine Satz sei auch gestattet: Mit einer Geburtenrate in Deutschland im Jahr 2025 von 1,35 Kindern wird ein Survival sehr in Frage gestellt. Wie bewusst ist uns das?

Mit den oben gelisteten Haltungen versuche ich, mir selbst eine Orientierung zu geben. Sie können sich selbst fragen, wie Sie diesbezüglich aufgestellt sind und welche Auswirkungen das auf Ihre Resilienz hat. Wer möchte, probiere sich im privaten und beruflichen Umfeld aus. Auch der eigene Mikrokosmos ist geeignetes Experimentierfeld. Sich das Denken und Fühlen selbst abzuverlangen, bedarf sicherlich Bereitschaft, Offenheit und Energie, führt jedoch zu souveränen Handlungsentwürfen und letztendlich einer gelingenden Bedürfnisbefriedigung.

Die Versuchung ist groß, sich bereitwillig der künstlichen Intelligenz unkritisch hinzugeben. Die Betonung liegt auf dem Wort „unkritisch“. Sobald wir beginnen, diese KI aus reiner Bequemlichkeit zu nutzen, werden sehr wahrscheinlich unsere Sinne und Ressourcen schneller schwinden als uns lieb ist – und letztendlich laufen wir Gefahr, uns selbst abzuschaffen.

Eine KI wird sehr wahrscheinlich zukünftig psychische Störungen behandeln können. Tut sie zum Teil jetzt schon. Aber wird sie psychische Gesundheit schaffen können? Wird sie Menschen behandeln können im Sinne eines autonomen Subjektes, einer bio-psycho-sozialen Einheit? Dies bezweifele ich und hoffe, es ist kein Zweckoptimismus.

Einer unserer größten Resilienzfaktoren bleibt die soziale Verbundenheit. In unseren Genen sind Autonomiebedürfnisse genauso verankert wie Abhängigkeitsbedürfnisse. Wir wollen eine Zugehörigkeit, ein Willkommensein, wir brauchen ein Gegenüber, um uns entwickeln zu können und wir benötigen gegenseitigen Schutz. Dieser Schutzbedarf verstärkt sich in helfenden Berufen um ein Vielfaches.

Unsere Berufe genießen zwar das höchste soziale Ansehen, werden jedoch mit der Erwartung verknüpft, immer heilen und helfen zu können, es „richtig“ zu machen, es besser wissen zu müssen, etc. Neuerdings kommt zu dieser globalen Erwartungshaltung noch der Datenauswurf der KI hinzu, die schon eine Diagnose formuliert hat, eine „optimale“ Behandlung (ohne Garantie) empfiehlt, und jetzt lediglich noch von Behandlerseite bestätigt und verantwortet werden soll. Eine patientenseitige Bereitschaft, für die eigene Gesundheit Aufwand und Verantwortung zu übernehmen, wird eher kleiner. Seitens der Kostenträger wird diese Entwicklung mit Steuerungsrufen (ganz nach eigenem Duktus), Termingarantieansprüchen und Einflussnahme auf die freie Berufsausübung leider noch unterstützt.

Vor diesem Hintergrund setze ich auf die Verbundenheit in den helfenden Berufen. Und ich bin ausgesprochen froh, dass ich mit unserem neuen KV-Vorstand Initiativen sehe, welche diese Verbundenheit sowohl zwischen Verwaltung und Selbstverwaltung, also in der internen Struktur, als auch extern in Kontakten zu Klinikvertretern, Kammern, Kassen, Politik und Parteien im Blick hat und anstrebt. Diese Kontakte verstehe ich als Angebote für ein Miteinander und nicht als Ausdruck destruktiver Intentionen. Vor allem eröffnet sich jedoch die Chance, dass sich jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter gesehen fühlt, jede Ärztin, jeder Arzt und jede Psychotherapeutin und jeder Psychotherapeut in seiner Arbeit wertgeschätzt wird, sich auf dieser Basis neue Resilienzen entwickeln und jeder, der dies so empfindet, Multiplikator in der gesellschaftlichen Entwicklung sein kann.

Ich danke Ihnen für die Lektüre dieses Standpunktes und verbleibe mit den besten Grüßen


Frank Massow

 

1 Zitat aus „Vom Umgang mit Verlusten – und wie wir die Zukunft zurückgewinnen“, Philosophie Magazin, 02/2026, S. 18–25

2 Zitat aus „Vom Umgang mit Verlusten – und wie wir die Zukunft zurückgewinnen“, Philosophie Magazin, 02/2026, S. 18–25