"Strukturelle Änderungen in unserem Versorgungssystem sind die Voraussetzung dafür, dass wir die ambulante Versorgung für unsere Patienten zukunftsfest gestalten."

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich schreibe dieses Editorial einen Tag bevor die Expertenkommission ihre Vorschläge für Einsparungen zur Stabilisierung der GKV vorlegen wird. Wir werden sehen, was davon die Regierung letztlich umsetzt.

Sicher ist aber, dass auch wir als niedergelassene Hausärzte, Fachärzte und Psychotherapeuten davon wesentlich betroffen sein werden.

Diese Entwicklung zeichnete sich schon lange ab. Die Dramaturgie wird medial konzertiert umgesetzt und das Ganze im Handeln von GKV und Bundesregierung orchestriert. Die ungerechtfertigte – und scharf zu kritisierende – Absenkung der Honorare für die Psychotherapeuten ist dabei erst der Eingangssatz in eine noch unvollendete Sinfonie der Streichungen und Änderungen. Und wo spielen wir dabei mit?

Zugegeben, ich habe etwas überspitzt. Aber glauben wir wirklich, dass wir diese Einsparmaßnahmen verhindern können, auch wenn unser Protest noch so begründet ist? Welche Taten werden wir unserem Protest folgen lassen, die Eindruck machen und Wirkung haben? Mit ein paar Interviews ist es nicht getan.

Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland und im „Rest der Welt“ dürften für längere Zeit schwierig bleiben – mit den absehbaren finanziellen Folgen auch für das Gesundheitssystem.

Ich weiß, dass das, was ich jetzt in den Raum stelle, kein Werbeblock für mich sein dürfte. Der eine oder andere wird mir vorwerfen, dass ich die Interessen der Vertragsärzte und Psychotherapeuten zu vertreten habe, statt selbstkritische Fragen zu stellen. Genau deshalb, weil ich diese Interessen vertrete und nicht nur dem tagesaktuellen Mainstream nachlaufe, sondern die Perspektive für die ambulante Versorgung als Ganzes im Auge behalte, äußere ich mich hier.

Wer von uns glaubt, dass in der ambulanten Versorgung im Wesentlichen alles beim Alten bleiben kann, während ansonsten in unserem Land vieles notgedrungenermaßen auf den Prüfstand kommt?

Wer glaubt wirklich, dass es reichen würde, wenn wir als KVen die berechtigte Forderung aufstellen – und gegebenenfalls auch durchsetzen –, dass bisher nicht bezahlte Leistungen vollständig vergütet werden? Das ist notwendig, aber es reicht nicht!

Auch die verständliche Reaktion, dann eben unsere Leistungen zu verknappen, würde sicherlich kurzfristig wirken. Die Politik wird das aber – so zumindest meine Einschätzung – nicht dauerhaft beeindrucken. Abgesehen vom negativen Image in der Außenwirkung würde eine solche Strategie Gegenreaktionen auslösen: etwa die weitere und gegebenenfalls generelle Öffnung der Krankenhäuser für die ambulante Versorgung. Wer mir entgegenhält, dort könne die Leistung aufgrund von Ärztemangel und Fachkräftemangel nicht erbracht werden, hat bestenfalls bezogen auf einzelne Regionen Recht, irrt aber mit Blick auf Deutschland insgesamt. Ich kann nur jedem raten, sich die geltenden gesetzlichen Regelungen sowie das aktuelle Strategiepapier der Deutschen Krankenhausgesellschaft genau anzusehen. Klar gesagt: Es geht mir nicht um ein Bashing der Krankenhäuser – wir brauchen sie als Partner für eine gute Versorgung unserer Patientinnen und Patienten. Aber die DKG formuliert einen dezidierten Anspruch auch auf Versorgung im ambulanten Bereich, der durch die aktuelle Gesetzgebung unterstützt, ja geradezu intendiert wird. Dies wird im politischen Umfeld über Parteigrenzen hinweg weitgehend befürwortet.

Andere, nichtärztliche Berufsgruppen werden politisch aus verschiedenen Gründen gestärkt, beispielsweise Apotheker und medizinische Fachberufe. Auch hier: kein Bashing. Aber wir sollten uns als Vertragsärzteschaft endlich eingestehen, dass sich die politischen Relativgewichte zu unseren Ungunsten verschoben haben und weiter verschieben – und das nicht erst seit gestern. Wir sollten uns fragen, warum das so ist.

Es gibt einen farbenreichen Blumenstrauß an Gründen – ideologische wie politische. Zuallererst aber werden Defizite in der ambulanten Versorgung angeführt. Dabei ist es nicht entscheidend, ob die Behauptungen tatsächlich stimmen oder nicht: Schon die Begründung ist meinungsbildend und oft entscheidungsbeeinflussend.

Wir sollten – nein, wir müssen – endlich Klartext reden. Als Vertragsärzte, Psychotherapeuten und als KV-System bundesweit müssen wir uns fragen, welchen EINEN Entwurf WIR entwickeln und gemeinsam als Gesamtkonzept für die ambulante Versorgung in den öffentlichen Raum und in die Politik einbringen. Dabei kann es nicht nur um Geld gehen. Strukturelle Änderungen in unserem Versorgungssystem sind die Voraussetzung dafür, dass wir die ambulante Versorgung für unsere Patienten zukunftsfest gestalten – und attraktiv für uns Kolleginnen und Kollegen sowie für unsere Nachfolger. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn andere die Lücken füllen, die wir ihnen lassen.

Unser Konzept muss für die Politik und die Gesellschaft als die offensichtlich bessere Alternative zum Status quo erkennbar sein. Und der richtige Zeitpunkt dafür ist jetzt – eben, weil sich vieles ändert und Handlungszwang besteht. Natürlich agieren wir als KVen in gesetzlichen und politischen Rahmenbedingungen, vieles wird von der Politik vorgegeben. Und dennoch haben wir einen eigenen Gestaltungsspielraum: mit unserer Kompetenz gute und tragfähige Konzepte zu entwickeln. Das ist uns nicht verboten – es ist das Gebot der Stunde.

Ihr Stefan Windau