Dr. Caroline Siefer ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und in Riesa als Hausärztin tätig. Seit 2023 ist sie in einer Gemeinschaftspraxis niedergelassen. Aktuell befindet sie sich außerdem in der Weiterbildung für die Zusatzbezeichnung Ernährungsmedizin. Frau Dr. Siefer teilt nicht nur Eindrücke aus ihrem Praxisalltag auf Social Media, sondern auch die Vorzüge einer Niederlassung in einem „Praxen für Sachsen“-Kampagnenvideo der KV Sachsen. Über ebendiese Vorzüge und ihren Weg in die Niederlassung hat sie nun ausführlich mit uns gesprochen. 

Frau Dr. Siefer, fangen wir am Beginn Ihres beruflichen Weges an: Warum haben Sie sich damals für ein Medizinstudium entschieden? 

Schon in der Grundschule war es mein Traum, Ärztin zu werden. Dazu hat auch meine empathische Kinderärztin beigetragen. Mich haben schon damals die Arbeit mit Menschen und der menschliche Körper fasziniert und begeistert. Später kam dann das Lieblingsfach Biologie dazu. So war mein ganzer schulischer Weg durch diesen Wunsch geprägt. Um meinen Traum zu erreichen, war ich sehr ziel- und leistungsorientiert und heute freue ich mich, dass ich es geschafft habe. 

Wussten Sie im Studium bereits, dass Sie sich später als Hausärztin niederlassen wollen?

Als Studentin war das für mich ehrlicherweise gar keine Option. Da spielten auch Vorurteile mit hinein, zum Beispiel, dass die Allgemeinmedizin fachlich nicht so anspruchsvoll sei – was ich jetzt gar nicht bestätigen kann! Aber damals hatte man als Student zu wenige Einblicke oder Zugang zu der ambulanten Tätigkeit, weil man eher von Klinikärzten unterrichtet wurde und viele Praktika in Kliniken gemacht hat. Man hat die Vorzüge des ambulanten Bereichs nicht kennengelernt. 

Was hätten Sie gern bereits im Studium über die Niederlassung gewusst?

Gerade als Frau hätte ich gern von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewusst. Diese war für mich schließlich ein entscheidender Faktor, in der Praxis tätig zu sein. Außerdem wäre es toll gewesen, im Studium schon Einblicke in den ambulanten Bereich zu erhalten. Auch Unterricht in unternehmerischen Belangen hätte ich im Studium gut gefunden. Mit der Abrechnung, Praxisführung oder Praxisgestaltung hat man neue Herausforderungen, die man im Studium nicht so an die Hand bekommt. Das könnten alles Gründe sein, weshalb sich viele denken, „Oh Gott, Niederlassung ist total schwierig“ und sich dagegen entscheiden.

Was unterscheidet den Arbeitsalltag in der Praxis vom Arbeitsalltag im Krankenhaus? 

Da gibt es sehr große Unterschiede, zuerst einmal die Arbeitszeiten. Die Sprechstunden sind etwas überschaubarer als ein Klinikalltag. Ich hatte damals als Assistenzärztin in der Klinik fünf 24-Stunden-Dienste pro Monat, davon zwei am Wochenende. In der Niederlassung hat man natürlich auch Bereitschaftsdienste, aber viel weniger. Grundsätzlich hat man eine Arbeitswoche von Montag bis Freitag, mit Feiertagen und Wochenenden. 

Man ist außerdem näher an den Patienten. Da man sie viele Jahre begleitet, kennt man sie sehr gut und hat ein enges Verhältnis. Da weiß man schon, wer da gerade die Treppe hochkommt und welche Diagnosen derjenige hat. 

Auch medizinisch betrachtet ist die Arbeit in der Praxis anders. Wir haben wenig Diagnostik und müssen zum Beispiel beim Labor teilweise bis zum nächsten Tag warten. Wir entscheiden klinischer und mehr durch Anamnese. Aber das macht es aus und macht mir viel Spaß. 

Wenn ich meine Assistenzarztzeit in der Praxis mit der in der Klinik vergleiche, hat man in der Praxis außerdem mehr Eigenverantwortung. 

Gab es Punkte in der Praxistätigkeit, vor denen Sie Respekt hatten? 

Beim Übergang von der Klinik in die Praxis als Assistenzärztin hatte ich schon Respekt. Das war ein ganz anderes Patientenspektrum, mit anderen Fragen und anderen Dokumenten. Ein weiterer Respektpunkt waren für mich finanzielle und versicherungstechnische Fragen. Am Anfang der Selbstständigkeit waren es auch noch Themen wie die Abrechnung, Praxisorganisation oder Teamführung. Das waren herausfordernde Tätigkeiten, die ich neu gelernt habe. 

Man wird aber in der Praxis als Assistenzärztin nicht ins kalte Wasser geworfen. Es ist ein Prozess, an dem man wächst, und alles ist lernbar. Die Assistenzarztzeit ist „learning by doing“ und dabei wird man, wie ich finde, gut an die Hand genommen. Man profitiert auf jeden Fall von erfahreneren Kollegen. 

Trotz des anfänglichen Respekts, was hat Ihnen zu Beginn der Selbstständigkeit die nötige Sicherheit gegeben?

Die Sicherheit habe ich vor allem bekommen, da ich eine erfahrene Kollegin an der Seite hatte, bei der ich gesehen habe, wie ihre Arbeit seit 25 Jahren in der Einzelpraxis funktionierte. Es ist natürlich ein anderes Gefühl, wenn man von der Assistenzärztin zur Fachärztin wird; man muss vieles allein entscheiden. Und auch der eigene Name auf dem Praxisschild und auf der Praxiskleidung gibt einem ein anderes Gefühl. Aber ich kannte ja die Praxis und das Arbeiten dort bereits, hatte ein bestehendes Team und bestehende Strukturen. Wobei es natürlich etwas besonders ist, wenn man in derselben Praxis von der Assistenzärztin zur Chefin aufsteigt – da ruckelt es nochmal. Ich bin dann aber sehr schnell in meine neue Rolle hineingewachsen.

Mich haben auch Freunde, die selber selbstständig sind, bestärkt. Interessanterweise haben dagegen diejenigen in meinem Umfeld, die nicht selbstständig waren, eher abgeraten. Aber meine Kollegin hat mir gezeigt, dass man auch als Frau erfolgreich eine Praxis führen kann und sich Familie und Beruf gut vereinen lassen. Für mich ist die Selbstständigkeit das Beste, was ich machen konnte.

In Ihrem Video im Rahmen der Kampagne „Praxen für Sachsen“ betonen Sie die Vorzüge einer Niederlassung in einer Gemeinschaftspraxis. Können Sie diese näher ausführen?

Wir haben unternehmerische Freiheit und gleichzeitig die Sicherheit, dass wir gebraucht werden. In unserer kleinstädtischen Region gibt es eine hohe Nachfrage und es macht Spaß, hier Hausärztin zu sein. 

Einer der großen Vorteile einer Gemeinschaftspraxis ist die Möglichkeit kollegialer Rücksprachen und dass wir Entscheidungen gemeinsam treffen können. Noch dazu sind wir ein relativ kleines Praxisteam – man könnte schon sagen Praxisfamilie – und verstehen uns blind. Da reicht teilweise ein Blickkontakt. Es ist Wahnsinn, wie gut man sich nach all den Jahren kennt. 

Und es ist ein großer Luxus, dass ich öfter nachmittags früh zu Hause bin. Dafür wird man von Klinikkollegen schon mal beneidet. Wenn man einen KV-Sitz annimmt, hat man zwar eine Mindestsprechstundenzeit zu erfüllen, ist in der Gestaltung aber flexibel. Wie viele Nachmittage man zum Beispiel anbietet oder ob man sich einen Vormittag in der Woche freinimmt und dafür an diesem Tag bis abends öffnet, kann man frei wählen. So kann man sich die Zeiten so einrichten, wie sie zum eigenen Leben passen. In einer Gemeinschaftspraxis kann man sich natürlich hineinteilen, zum Beispiel jeder einen Nachmittag übernehmen. Außerdem sichert man gegenseitig die Vertretung im Krankheitsfall ab. 

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielt eine sehr große Rolle für mich. Auch deshalb habe ich mich für die Praxistätigkeit entschieden. Dank weniger Wochenend- und Feiertagsarbeit und einen freien Nachmittag pro Woche kann ich besser planen und Familie und Beruf besser vereinbaren. Auch kann ich meinen Urlaub flexibler gestalten und mich mit meiner Kollegin gut absprechen. Das ist gerade mit schulpflichtigen Kindern viel wert.

„Ich bin sehr schnell in meine neue Rolle hineingewachsen.“

Welche Aspekte des Hausarztberufs nehmen Sie als besonders erfüllend wahr?

Besonders toll finde ich den engen Patientenkontakt und dass man sich sehr auf die medizinischen Aspekte konzentrieren kann. Es ist ein sehr abwechslungsreiches Gebiet mit allen möglichen Krankheitsbildern. Da es teilweise lang dauert, einen Termin beim Facharzt zu bekommen, müssen wir uns schon einen eigenen Kopf machen – wir schreiben nicht nur Überweisungen. Außerdem finde ich gut, dass man sich spezialisieren kann.

Auch die Nachwuchsarbeit finde ich sehr wichtig und erfüllend. Ich freue mich immer sehr, wenn Studierende bei uns sind. Ihnen zu zeigen, wie wir ambulant arbeiten, gibt mir sehr viel und motiviert mich. Man hat ja selbst einmal an deren Stelle gestanden und wenn man ihnen etwas mit auf den Weg geben kann, ist das ein großes Geschenk. Und ein bisschen gestaltet man so auch die Zukunft der Medizin mit. Auch mit meiner Social-Media-Präsenz möchte ich Nachwuchsarbeit leisten, Studierende motivieren und zeigen, dass die Allgemeinmedizin cool ist und nicht so langweilig, wie es vielleicht scheint. Ich habe die Möglichkeit, an der TU Dresden Seminare zu halten. Dabei kann man auch den einen oder anderen motivieren, sich mit einer möglichen Tätigkeit im ambulanten Bereich auseinanderzusetzen.

Welche Möglichkeiten der beruflichen und persönlichen Weiterentwicklung gibt es in der Allgemeinmedizin? 

In der Niederlassung wächst man persönlich über sich hinaus. Man hat ein Team zu führen und Strukturen zu etablieren. Ich musste mich als Frau zum Teil auch erst einmal bei den Patienten behaupten. Das macht was mit dem Selbstbewusstsein und der Persönlichkeit – das lernt man. 

Die Allgemeinmedizin ist sehr vielfältig und beruflich ist viel möglich. Man kann zum Beispiel Ultraschall machen, Akupunktur oder Notfallmedizin. Da für einen Allgemeinarzt auch die Prävention eine wichtige Rolle spielt, habe ich für mich die Ernährungsmedizin auserkoren. Diese würde ich gern in unserer Region aufbauen und etablieren.

Sie sind sehr präsent auf Instagram und geben Einblicke in Ihren Praxisalltag, die Selbstständigkeit und die Allgemeinmedizin. Wie lässt sich das in Ihren Arbeitsalltag integrieren? 

Damit die Privatsphäre der Patienten gewahrt bleibt, filme ich natürlich nicht einfach drauf los, sondern merke mir die Ideen, die mir im Praxisalltag und in den Gesprächen mit Patienten kommen und setze sie in meiner freien Zeit, zum Beispiel in der Pause oder am Nachmittag, um. Wenn ich gerade allein im Zimmer bin, mache ich auch mal ein Foto von mir am Schreibtisch oder von meiner Arbeit. Da würde ich schon gern ein bisschen mehr mitnehmen, aber gerade in der Infektsaison sind wir in den Sprechstunden gut ausgefüllt. 

„Man kann sich die Zeiten so einrichten, wie sie zum eigenen Leben passen.“

Zwischen Wartezimmer und Fortbildung: Auf ihrem Instagramkanal @chaosaufrezept gibt Dr. Caroline Siefer Einblicke in ihre Arbeit als Hausärztin und zeigt, wie auch Zeit für Familie und Weiterentwicklung bleibt.


Welche Vorurteile über die Niederlassung würden Sie denn nach fast drei Jahren Selbstständigkeit abstreiten?

Viele denken an das hohe wirtschaftliche Risiko, aber das ist bei uns im kleinstädtischen oder im ländlichen Raum eher nicht gegeben, da wir hier viele Patienten haben. 

Ein weiteres Vorurteil ist, dass man die Bürokratie gar nicht überblicken kann. Natürlich ist es viel und eine Arbeit, die man als Arzt eher nicht so gern macht. In unserer Gemeinschaftspraxis teilen wir uns da gut hinein. Wir haben den Vorteil, dass meine Kollegin die Büroarbeit gern macht und ich lieber mehr Patienten übernehme. Aber ich denke, dass man sich auch in einer Einzelpraxis so gut organisieren kann, dass man nicht jeden Tag bis 20 Uhr am Schreibtisch sitzt und Überstunden macht.

Und welche Vorurteile haben vielleicht etwas Wahres an sich? 

Wie gesagt hätte man die Bürokratie manchmal gern ein bisschen einfacher. Aber das gehört dazu, wie in jedem anderen Beruf auch.

Außerdem sind in der Niederlassung mögliche Regresse ein Thema. Man sollte natürlich nicht den ganzen Tag daran denken, aber es im Hinterkopf haben und sich über die Vorgaben bei Verordnungen informieren. 

Haben Sie einen Rat an Studierende oder Ärzte, die unsicher sind, ob eine Niederlassung das Richtige für sie ist? 

Studierenden empfehle ich, auch im ambulanten Bereich Praktika zu machen. Dafür kann man auch gern sein PJ-Tertial nutzen. Es ist auf jeden Fall sinnvoll, sich die Tätigkeit in der Praxis anzuschauen, nachdem man im Studium ja sehr viel Klinik gesehen hat. 

Am wichtigsten ist es, sich zu informieren. Ich war zum Beispiel damals bei der Veranstaltung „Ärztin / Arzt in Sachsen“ in der Sächsischen Landesärztekammer und habe mich dort bei der KV Sachsen über finanzielle Aspekte informiert.

Ob die Niederlassung etwas für einen ist, ist natürlich abhängig von der eigenen Persönlichkeit und dem eigenen Typ. Man sollte sich auf jeden Fall mit Kolleginnen und Kollegen austauschen, die schon niedergelassen sind. Und man kann jederzeit einen Quer-einstieg wagen. Es gibt tolle Fördermöglichkeiten, mit denen man die hausärztliche Tätigkeit auch erst einmal ausprobieren kann. Ich glaube, die meisten, die in eine Praxis gegangen sind, wollen auch nicht wieder zurück. 

Mein Rat: Informiert euch, tauscht euch aus, fragt andere nach ihren Erfahrungen und vor allem: Traut euch! Mut wird belohnt!
 

Im Rahmen der Kampagne „Praxen für Sachsen“ unterstützt die KV Sachsen Interessierte auf dem Weg, sich als Hausarzt odeer Hausärztin in Sachsen niederzulassen. Dabei sind verschiedene Fördermaßnahmen möglich. 

www.praxen-fuer-sachsen.de

Fördermaßnahmen Praxiseinstieg

Kommunikation/rab