„Die Leute sehen in mir immer in erster Linie den Juden, dann erst, ganz zuletzt, den Arzt.“

Im Juli 1939 erhielt der jüdische Arzt Dr. med. Willy Katz die Anweisung, fortan als sogenannter „Krankenbehandler“ die medizinische Versorgung für die Juden der Stadt Dresden aufrechtzuerhalten. Eine beinahe unmögliche Gratwanderung zwischen erzwungener Anpassung und dem ureigenen Bedürfnis, im Angesicht der drohenden Vernichtung Humanität und Menschenwürde zu wahren.

„Die Leute sehen in mir immer in erster Linie den Juden, dann erst, ganz zuletzt, den Arzt.“ So zitiert der Romanist und Schriftsteller Victor Klemperer (1881 – 1960) den Allgemeinmediziner Dr. Willy Katz in seinen berühmten Tagebüchern der Jahre 1933 – 1945. Wie viele andere Dresdner Juden stand auch Klemperer dem Leiter der Jüdischen Gesundheitsstelle anfänglich skeptisch gegenüber, doch Klemperer erkannte die Zwangslage, in der Katz steckte, und die ihn tagtäglich umtrieb.

Studienjahre und erste Erfahrungen als Mediziner

Willy Katz stammte aus Schlesien und wurde am 17. Dezember 1878 in der Kleinstadt Brieg (poln. Brzeg) im damaligen Bezirk Breslau geboren. Sein Abitur legte er 1897 in Berlin ab und begann dort sein Medizinstudium an der damaligen Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Universität), welches er anschließend in Wien fortsetzte. Nach seinem Medizinalpraktikum am Stadtkrankenhaus in Posen erhielt Katz im Jahr 1905 die Approbation. Wie viele Wehrpflichtige seiner Zeit, die über einen höheren Schulabschluss verfügten, meldete sich auch Willy Katz als Einjährig-Freiwilliger für den Wehrdienst, den er unmittelbar nach seinem Studium ableistete. Nach seinem Abschied vom Militär erlangte Katz im Mai 1906 an der Königlichen Universität in Greifswald mit seiner Dissertation über das Thema „Der Zusammenhang von Pankreas- und Fettnekrose mit Cholelithiasis“ die Doktorwürde. Mit seiner Promotion und der nachfolgenden Assistenztätigkeit an der Berliner Ohrenklinik seines Onkels, Prof. Dr. Ludwig Katz, begann eine Zeit wechselnder Beschäftigungsverhältnisse an verschiedenen Orten.

Niederlassung in Dresden

Im Jahr 1909 entschied Katz, sich in eigener Praxis in der sächsischen Residenzstadt Dresden niederzulassen. Er eröffnete seine Praxis im dicht besiedelten Striesen, einem Stadtteil, der von prächtigen Häuserzeilen und großbürgerlichen Stadtvillen der Gründerzeit geprägt war und zu den jüngeren Stadtvierteln der Elbmetropole gehörte. Katz bezog seine Praxisräume zunächst in der Borsbergstraße 3 und später unter der Hausnummer 14, wo er Zeit seines Lebens tätig blieb.

In Dresden lebten um 1905 etwa 3.500 Juden, womit die Stadt weit unter dem Reichsdurchschnitt lag. Erst mit dem wachsenden Zuzug vieler Juden aus Osteuropa wuchs die Zahl bis Mitte der 1920er Jahre auf über 5.000 an. Mit der Reichsverfassung von 1871 wurden die Juden im Land zu gleichberechtigten Bürgern. Trotz weitreichender Assimilation vor allem der jüdisch-großbürgerlichen Kreise waren gesellschaftliche Ressentiments und antisemitische Anfeindungen selbst bis in höchste politische Instanzen keine Seltenheit.

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs diente Katz als Stabsarzt der Reserve und wurde für seine Verdienste im Feld mit dem „Eisernen Kreuz“ I. und II. Klasse ausgezeichnet. Katz pflegte auch nach seiner aktiven Zeit beim Militär Mitgliedschaften in verschiedenen militärischen Organisationen und erhielt noch 1937 durch den Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten die Silberne Ehrennadel.

Die Jahre zwischen 1933 und 1945 – Leben am Abgrund

Im Oktober 1933 heiratete Katz seine zweite Ehefrau Helene Preißler, Ladenbesitzerin aus Kassel und Ziehmutter seines Sohnes. Katz‘ erste Frau, die Berliner Jüdin Elsa Cäcilie Brann, die er 1918 heiratete und deren Ehe zwei Jahre später geschieden wurde, kam im Juli 1940 mit der Diagnose Schizophrenie in die NS-Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein, wo sie noch am Tag ihrer Ankunft ermordet wurde. Der gemeinsame Sohn Helmut emigrierte bereits 1939 nach England. Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten sah sich Katz zunehmend Anfeindungen und der ständigen Bedrohung durch die Gestapo ausgesetzt. Auch Helene, die als „jüdisch versippt“ galt, wurde in gleichem Maße diskriminiert und verfemt – dennoch stand sie, trotz aller Widrigkeiten, unbeirrt an der Seite ihres Mannes. Durch seine Verdienste als Frontsoldat blieb Katz die Kassenzulassung als niedergelassener Arzt zunächst erhalten. Doch da ihm als Jude die verpflichtende Mitgliedschaft im NS-Ärztebund per se nicht möglich war und ausgestellte Atteste jüdischer Ärzte bald allgemein nicht mehr anerkannt wurden, entwickelte sich seine Lebenslage bald zur existenzbedrohenden Situation. Denn nicht nur die überwiegend „arische“ Patientenschaft blieb aus, auch der Rückhalt durch die Berufsverbände war nun nicht mehr gegeben.

Mit der Vierten Verordnung zum Reichsbürgergesetz wurde jüdischen Ärzten zum 30. September 1938 schließlich die Approbation entzogen. Für Katz bedeutete es das faktische Berufsverbot und das Ende seiner Praxistätigkeit. Im Zusammenhang mit der sogenannten „Reichskristallnacht“ im November desselben Jahres wurde Katz zweimal verhaftet – die Angst, nochmals inhaftiert oder gar deportiert zu werden, blieb ihm ein ständiger Begleiter in dieser schweren Zeit.

Im Juli 1939 erhielt Katz das Rundschreiben Nr. 6 der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands, Bezirksstelle Groß-Dresden mit der Verpflichtung, als einziger jüdischer Arzt im Stadtgebiet die Behandlung aller jüdischen Pflichtversicherten zu übernehmen. Katz sollte als Leiter der Jüdischen Gesundheitsstelle als sogenannter „Krankenbehandler“, wie jüdische Ärzte von den Nationalsozialisten herabwürdigend bezeichnet wurden, die Arbeit in seiner Striesener Praxis wieder aufnehmen.

Für die Nationalsozialisten hatte Katz‘ Berufung auch den perfiden Zweck, die Arbeitsfähigkeit von Juden festzustellen, um sie für die Rüstungsindustrie des Dritten Reichs schamlos auszubeuten. So war Katz verantwortlicher Lagerarzt im Judenlager Hellerberg, das als Unterbringungsort für Zwangsarbeiter der Zeiss-Ikon A. G. diente und die im Goehle-Werk, einem Außenlager des KZ Flossenbürg, für den „Endsieg“ schuften mussten. Die Zustände im Lager waren menschenunwürdig. Alle Versuche des Arztes, die dringlichsten Hygienemaßnahmen durchzusetzen, scheiterten am Widerstand der Gestapo. 1943 wurde das Lager aufgelöst – sämtliche Inhaftierte wurden nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet.

Für Willy Katz als einzigem praktizierenden jüdischen Arzt der Stadt bedeutete das enorme Arbeitspensum eine schwere körperliche und seelische Belastung. Denn neben der medizinischen Überwachung des Lagers am Hellerberg gehörte auch die Hygienekontrolle der Dresdner Judenhäuser sowie die ärztliche Betreuung der Jüdischen Schule und des Henriettenstifts, eines jüdischen Altersheims in der Johannstadt, zu seinen Hauptaufgaben.

Dr. Klaus Heckemann konnte mit einer im Familienkreis überlieferten Episode bestätigen, in welchem Dilemma sich Dr. Katz während seiner Praxistätigkeit als jüdischer Arzt befand. So ereignete sich zur Zeit der Naziherrschaft vor der Praxis ein Straßenbahnunfall, bei dem eine Frau schwer verletzt wurde. Passanten baten Katz um Hilfe, doch aufgrund des Behandlungsverbotes durfte er einer nichtjüdischen Verletzten keine Erste Hilfe leisten. Ein anderer Arzt in unmittelbarer Nähe zum Unfallort lehnte die Behandlung ab, da er unabkömmlich sei. Katz leistete daraufhin Erste Hilfe, konnte die Frau jedoch nicht retten. Als er ihren Ehemann aufsuchte, um ihm mitzuteilen, dass seine Frau verstorben sei, stellte sich heraus: Es war der Arzt, der die Behandlung zuvor abgelehnt hatte. Diese Begebenheit war für die Mutter von Dr. Heckemann, die mit ihren Eltern im selben Haus wie Willy Katz wohnte und welche mit ihm befreundet waren, einer der Auslöser für den Wunsch, selbst Medizin zu studieren.

Neuanfang und Ende

Willy Katz überlebte den Holocaust. Doch zahlte er einen hohen Preis für diese auch mental äußerst kräftezehrende Arbeit. Im ersten Nachkriegswinter 1945 erkrankte Katz an einer Lungen- und Rippenfellentzündung, auch infolge einer chronischen Tuberkulose, von der er sich nicht mehr erholen sollte: Am 13. Januar 1947 starb Katz im Alter von 69 Jahren in Dresden. Dabei war er von der Nachkriegsregierung sogar als Leiter des städtischen Gesundheitsamtes ins Gespräch gebracht worden und auch seine Praxis, die die Bombardierung der Stadt vom 13. zum 14. Februar 1945 unbeschadet überstand, konnte wieder den Betrieb aufnehmen. Im Gebäude Borsbergstraße 14 wurde unmittelbar nach Kriegsende die erste damals so benannte Poliklinik eröffnet und Katz zum leitenden Arzt dieser Einrichtung ernannt.

Dr. Katz hatte in den sechs Jahren, die er als sogenannter „Krankenbehandler“ über die Grenzen des Leistbaren hinaus arbeitete, bei den Dresdner Juden keinen leichten Stand. Dass die Gestapo ihn zwang, nicht nur Deportationszüge nach Theresienstadt zu begleiten, sondern auch Patienten auf ihre „Arbeitsfähigkeit“ und ihre mögliche Belastbarkeit hin zu untersuchen, machte ihn in den Augen vieler Gemeindemitglieder suspekt. Katz kämpfte auf verlorenem Posten zwischen den Fronten. Denn einerseits war er zur Kollaboration mit dem Regime gezwungen, andererseits ermöglichte es ihm seine Position, einzelnen Juden zu helfen und sie vor der Deportation zu bewahren und nicht zuletzt auch sein eigenes Leben zu retten. In seiner Grabrede bei Katz‘ Begräbnis beschrieb Victor Klemperer noch einmal die ausweglose Situation, in der sich Katz befand:

„Es war eine fürchterliche Arbeit, denn hinter ihm stand immer wieder die teuflische Gestapo und ihr musste er die Opfer wahrlich aus den Händen, aus den Krallen reißen. Um jeden einzelnen Patienten musste er ringen. Dabei wurde er trotz seines vorbildlichen Mühens um die armen, verzweifelten Menschen, für die er sorgte und für die er sein Möglichstes tat, oft gar noch verdächtigt und beschuldigt, nicht alles getan zu haben, was er hätte tun können. Er hat dabei oft genug sein eigenes Leben aufs Spiel gesetzt. Ich werde ihm das für Zeit und Ewigkeit niemals vergessen.“

Katz‘ Nachlass wurde 1990 dem United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D. C. übergeben. Am ehemaligen Standort seiner Praxis befindet sich ein „Denkzeichen“ der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden e. V. Die Restaurierung der Grabstele der Eheleute Katz im Urnenhain Tolkewitz wurde 2011 aus Spendengeldern finanziert.