"Frei nach Rosa Luxemburg: ‚Freiheit ist auch immer die Freiheit der Andersdenkenden.‘ Ich wünsche mir einen fairen Diskurs.“

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

oft kommt der Vorwurf, die KVS-Mitteilungen seien langweilig, würden sowieso kaum gelesen und wenn ja, dann die Editorials und sonst nur das unbedingt Nötige. Warum werden Editorials eher gelesen? Weil sie (oft) relevante Themen aufgreifen, die viele Mitglieder der KV Sachsen interessieren, bewegen oder zu heftigen Diskussionen anregen.

Anfang dieses Jahres haben Sie alle einen Neujahresbrief vom Vorstand der KV Sachsen und vom Vorsitzenden der Vertreterversammlung erhalten. Inhalt war auch das Angebot zur Suche nach geeigneteren Formaten zur Kommunikation mit unseren Mitgliedern. Dafür hatte ich bereits in der letzten Vertreterversammlung der vergangenen Legislaturperiode im November 2022 geworben. Wir werden Vorschläge unterbreiten und wollen auch die Editorials der KVS-Mitteilungen nutzen, um mit Ihnen in Austausch und Diskurs zu treten.

Ein Editorial ist einerseits etwas Persönliches des Verfassers, andererseits steht der Autor auch immer in seiner Funktion für diese Meinungsäußerung. Natürlich gibt es Unterschiede. Bei den Themen beispielsweise Honorarforderungen, Arbeitsbedingungen etc. dürfte spontane Zustimmung von vielen unserer Mitglieder anzunehmen sein, bei gesamtgesellschaftlich brisanten Themen, wie im Dezembereditorial, ist es differenzierter, und auch das müssen wir beachten. Sollten wir uns nun begrenzen und nur noch rein gesundheitspolitische und berufspolitische Themen in den Fokus nehmen, in denen das Editorial die erwartete Mehrheitsmeinung der Mitglieder abbildet? Das wäre das Einfachste und wir wären fein raus. Oder wären unsere Mitteilungen nicht doch auch ein Format, gesamtgesellschaftlich relevante Themen, die irgendwo uns alle betreffen, im Kreise unserer Mitglieder für unsere Mitglieder zu diskutieren?

Die Abgrenzung der Themen in rein berufspolitische/gesundheitspolitische versus gesamtgesellschaftlich relevante ist nicht ganz einfach. Viele der gesamtgesellschaftlich relevanten Themen, die auf den ersten Blick nichts mit Gesundheits- oder Berufspolitik zu tun haben, sind bei genauerem Hinsehen meiner Ansicht nach für uns Ärzte und Psychotherapeuten wesentlich, gerade auch mit Blick auf unser Handeln und eben auch diskussionswürdig. Viele Berufsgruppen beanspruchen ganz selbstverständlich für sich das Recht, sich „fachübergreifend“ zu äußern. Sicherlich kommt es dabei ebenso auf den Rahmen und auf die richtige „Dosis“ an. Sicherlich spielt auch der Status „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ eine Rolle. Ich bin für einen Diskurs in diesem Kontext. Die KVS-Mitteilungen sind zwar keine Tagespresse aber eben auch kein Fachjournal. Unsere Mitglieder erhalten alle diese Mitteilungen, und ich glaube, das Interesse an einer breiteren Diskussion in diesem Rahmen ist gegeben. Was meinen Sie dazu?

Eines sollte vermieden werden: Wenn in einem Editorial eine überwiegend persönliche Meinung zu gesellschaftlich umstrittenen Themen geäußert wird, dass die Darstellung dann den Eindruck einer quasi amtlichen Meinung erweckt, selbst dann, wenn die Mehrheit der Mitglieder vermutlich hinter dieser Meinung steht. Wir müssen immer auch die Mitglieder unserer KV mit im Blick haben, die anderer Meinung sind oder sein könnten. Wir haben alle zu vertreten. Nun geht es natürlich nicht, dass ein Editorial das gesamte denkbare Meinungsspektrum erahnt, vorwegnimmt und integrierend vollumfänglich darstellt. Ich könnte mir aber vorstellen, dass ein Editorial ein Thema aufgreift, mit einem wesentlichen Anteil an persönlicher Meinung des Verfassers UND zur Diskussion aufruft. Diese unterschiedlichen Ansichten und Standpunkte können dann durch unsere Redaktion adäquat veröffentlicht werden.

Ich bin der Überzeugung, dass es zur Demokratie gehört, dass auf der Basis von geltendem Recht jeder das sagen kann und darf, was er denkt. Wer bestimmt eigentlich die Grenze des Nichtmehrsagbaren? Jeder von uns hat eine Überzeugung, und diese hängt nicht nur mit Erkenntnissen und eindeutigen Fakten etc., sondern mit unseren eigenen Persönlichkeitsanteilen zusammen. Auch deshalb ist es so schwierig, seine eigene Überzeugung in Frage zu stellen. Für den Einen bedeutet ein Argument Bestätigung, für den Anderen Kritik, der Dritte empfindet das gleiche Argument als eine Infragestellung der eigenen Lebensphilosophie, ja des eigenen Lebens und als eine profunde Verletzung. Ja, auch Autoren sollten versuchen, Verletzungen zu vermeiden. Aber ebenso müssen sich diejenigen, die eine vielleicht pointiert dargestellte Meinung kritisierten, mit den gleichen Maßstäben messen lassen, die sie an andere anlegen.

Ich habe manches aus den Reaktionen auf das Dezembereditorial gelernt, aus den zustimmenden wie auch aus den ablehnenden. Wir alle sollten uns bei Auseinandersetzungen an die eigene Nase fassen, wenn es um Inhalt, Lautstärke und Stil der Auseinandersetzung geht. Eines hat mich bei einem Teil der Reaktionen, gleich aus welcher „Ecke“ und gleich aus welchem politischen Lager und gleich welcher Meinung erschreckt, was ich ausdrücklich nicht auf alle beziehe: Der unbedingte Anspruch, absolut im Recht zu sein, ja der Glaube, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. Schon Pontius Pilatus fragte aber bekanntlich: „Was ist Wahrheit?“

Ja, es gibt Fakten – und auch diese kann man berechtigt oder unberechtigt relativieren – und über die Konsequenzen kann und muss man trefflich streiten. Demokratie lebt von Auseinandersetzung. Wem nützt eine Meinung, falls sie nicht nur zur Selbstdarstellung dient, wenn ich sie nicht überzeugend und mit Blick auf eine Problemlösung mehrheitsfähig formulieren und herüberbringen kann? Wenn ich die anderen nicht mitnehme, bzw. es nicht wenigstens versuche? Und das gilt für uns alle! Zumindest ist das der Weg in einer Demokratie, unabhängig davon, für welche Meinung man steht.

Also, bei allen Problemen, bei all den annehmbar unterschiedlichen Positionen – wir müssen miteinander reden, unseren begrenzten Spielraum nutzen und gestalten und dem Anderen in Respekt gegenübertreten, so wie wir selbst respektiert werden wollen. Wer Toleranz einfordert, der muss auch selbst tolerant sein wollen und können – frei nach Rosa Luxemburg: „Freiheit ist auch immer die Freiheit der Andersdenkenden“. Ich wünsche mir einen fairen Diskurs, der natürlich nicht immer im Konsens enden wird, vielleicht aber in mehr Verständnis für den Anderen. Darum geht es mir.

Ich bin nicht (mehr) von Sendungsbewusstsein getragen. Aber Brücken zueinander zu bauen ist besser als sie abzubrechen, auch wenn nicht jeder über diese Brücken gehen wird – und dies auch nicht muss. Auch das ist Demokratie.

Dies ist ein erster Aufschlag. Ich freue mich auf Ihre Rückmeldungen – auf hoffentlich nicht nur kritische – ein bisschen in gespannter Erwartung … Diese können Sie senden an: presse@kvsachsen.de, Stichwort „Editorial Brücken bauen“.

 

Ihr Stefan Windau